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Weitere aktuelle Trends in der Brustkrebsbehandlung
Leading Opinions
Autor:
Dr. med. Patrik Weder
FMH Innere Medizin/FMH Medizinische Onkologie Oberarzt mbF Brustzentrum Kantonsspital St. Gallen<br> E-Mail: patrik.weder@kssg.ch
30
Min. Lesezeit
14.07.2016
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<p class="article-intro">Die im Folgenden zitierten Abstracts von der 10. European Breast Cancer Conference (EBCC) in Amsterdam zeichnen sich im Allgemeinen nicht durch ihren direkten „practice-changing“ Charakter aus, sondern stehen eher symbolhaft für aktuelle Trends in den verschiedenen Fachgebieten der Behandlung von Brustkrebs. </p>
<hr />
<p class="article-content"><h2>„Partial breast“-Radiotherapie: erste Resultate der IMPORT-LOW-Studie</h2> <p>In dieser englischen multizentrischen Phase-III-Studie<sup>1</sup> wurde untersucht, ob eine adjuvante partielle Radiotherapie der Brust („partial breast radiotherapy“, PB-RT) mittels intensitätsmodulierter Radiotherapie (IMRT) mit und ohne Ganzbrustbestrahlung („whole breast radiotherapy“, WB-RT) gegenüber einer konventionellen Ganzbrustbestrahlung bezüglich Lokalrezidiv bei Patientinnen mit niedrigem Rezidivrisiko nicht unterlegen ist („Non-inferiority“-Studiendesign). Sekundärer Endpunkt war unter anderem das kosmetische Ergebnis. <br />In die Studie wurden von 5/2007 bis 9/2010 insgesamt 2018 Patientinnen eingeschlossen, welche älter als 50 Jahre alt waren, deren Mammakarzinom mit einem Tumorrandabstand von ≥2mm operiert worden war und deren Tumor folgende Charakteristika aufwies: invasiv duktales Mammakarzinom (keine lobulären Karzinome), pT1–2 (≤3cm), N0–1, M0, G1–3. Es erfolgte die Randomisierung (1:1:1) in folgende Therapiearme: WB-RT mit 40Gy in 15 Fraktionen (Kontrollgruppe, englischer Standard) versus WB-RT mit 36Gy in 15 Fraktionen inklusive PB-RT mit 40Gy in 15 Fraktionen (Testarm 1) versus alleinige PB-RT mit 40Gy in 15 Fraktionen (Testarm 2). Die Baseline-Charakteristika der 3 Vergleichsarme waren ausgeglichen mit einem mittleren Alter von 63 Jahren, nur 3 % nodal-positiven Tumoren und meist mittlerer bis guter Differenzierung (G1: 43 % , G2: 47 % , G3: 10 % ). Nach einem medianen Follow-up von 68 Monaten wurden nun die ersten Resultate veröffentlicht. Die Lokalrezidivrate nach 5 Jahren betrug in der Kontrollgruppe 1,1 % , in der Testgruppe 1 (WB-RT + PB-RT) 0,2 % und 0,5 % in der Testgruppe 2 (nur PB-RT). Die vordefinierte „Non-inferiority“-Grenze von 2,5 % (80 % „power“, „one-sided alpha“ 2,5 % ) wurde bei beiden Testgruppen im Vergleich zum Kontrollarm nicht überschritten. Die Lokalrezidivraten liegen in den Testarmen sogar numerisch unter jenen des Kontrollarms. <br />Das kosmetische Ergebnis wurde nach 5 Jahren im Vergleich zum Zeitpunkt vor der Radiotherapie mittels Fotografien, Beurteilung durch Kliniker (Brustschrumpfung, Induration, Teleangiektasien, Ödem) sowie Patientinnen (gesamte Brusterscheinung) ermittelt. Die fotografischen Vergleiche waren zur überwiegenden Mehrheit ohne Veränderung (77–82 % ), zu 15–20 % mit geringen Veränderungen und zeigten nur in einem kleinen Anteil deutliche Veränderungen (3–5 % ), was in allen Vergleichsgruppen statistisch nicht unterschiedlich ausfiel. Ähnliche Resultate ergab die klinische Beurteilung, die ebenfalls statistisch keine Unterschiede zwischen den Gruppen ergab: Bei etwas mehr als der Hälfte der Patientinnen wurden keine (54–58 % ), in etwa einem Drittel geringe (33–34 % ), in ca. einem Zehntel moderate (9–11 % ) und nur bei sehr wenigen markante Veränderungen (1–2 % ) festgestellt. <br />Hingegen waren die Selbstbeurteilungen des kosmetischen Resultats durch die Patientinnen in beiden Therapiearmen, bei welchen eine PB-RT durchgeführt worden ist, statistisch signifikant besser, fielen jedoch insgesamt schlechter aus als die Beurteilungen durch Fotografie und Kliniker: keine Veränderungen (26 % vs. 27 % vs. 28 % ), geringe (46 % vs. 53 % vs. 57 % ), moderate (20 % vs. 14 % vs. 11 % ), markante (7 % vs. 7 % vs. 4 % ) Veränderungen. <br />Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass in dieser Studie, in welche nur Patientinnen mit Mammakarzinomen mit sehr niedrigem Rückfallrisiko eingeschlossen wurden, die Lokalrezidivraten in allen Therapiearmen nach 5-jähriger Beobachtungszeit sehr niedrig waren. Die Reduktion der Bestrahlung im Sinne einer PB-RT war bezüglich Lokalkontrolle und Kosmetik gegenüber einer WB-RT in dieser ersten Analyse mit kurzem Beobachtungsintervall nicht unterlegen. Nach diesem relativ kurzen Beobachtungsintervall sind weitere Analysen nach längerem Follow-up bis zu mindestens 10 Jahren geplant. <img src="/custom/img/files/files_data_Zeitungen_2016_Leading Opinions_Onko_1603_Weblinks_Seite37.jpg" alt="" width="785" height="504" /></p> <h2>Zweizeitige versus Sofort­rekonstruktion mit azellulärer Matrix</h2> <p>Zu gratulieren ist den holländischen plastischen Chirurgen, welche eine randomisierte Studie<sup>2</sup> zur Frage der Sicherheit des Einsatzes einer azellulären dermalen Matrix (ADM, Strattice®) bei Mammasofortrekonstruktionen gegenüber einem zweizeitigen Aufbau ohne ADM durchgeführt haben. In diese multizentrische Studie, an welcher acht holländische Zentren teilgenommen haben, wurden von 4/2013 bis 5/2015 insgesamt 140 Patientinnen, bei welchen eine „Skin-sparing“-Mastektomie geplant war, in die beiden Behandlungsarme randomisiert. <br />Aktuell wurden die Komplikationsraten publiziert. Die sofortige Rekonstruktion mit ADM ergab deutlich mehr Komplikationen als ein zweizeitiger Brustaufbau (38,5 % vs. 10,3 % ). Insbesondere mussten mehr Reoperationen durchgeführt werden (32,6 % vs. 9,6 % ) und es kam zu vermehrten Implantatverlusten (27 % vs. 2,4 % ). <br />Die Autoren schlossen daraus, dass eine Sofortrekonstruktion mit ADM sehr sorgfältig zu überlegen sei. Natürlich blieben viele Fragen unbeantwortet, insbesondere wie viel die individuelle Lernkurve der Operateure sowie verschiedene andere potenziell verzerrende Faktoren zu diesem Resultat beigetragen haben, gleichwohl ist die prospektive, randomisierte Untersuchung neuer chirurgischer Verfahren sehr zu begrüssen.</p> <h2>Pathologische prognostische Faktoren beim männlichen Brustkrebs</h2> <p>Aus dem internationalen Brustkrebsprogramm (EORTC/TBCRC/BIG/NABG), bei welchem von 1990 bis 2010 retrospektive Daten erhoben wurden,<sup>3</sup> wurden pathologische prognostische Daten von 1203 zentral untersuchten FFPE-Blocks präsentiert. Dabei wurde festgestellt, dass der duktale Subtyp (85 % ) dominierte und die Mehrheit einem Luminal-Subtyp zuzuordnen war. Die Hälfte wies eine mässige Differenzierung auf (50 % ). Erstaunlicherweise hatte das Tumorgrading, im Gegensatz zur Bedeutung beim weiblichen Pendant, keinen Einfluss auf das Outcome. Hingegen waren ein hoher mitotischer Index (welcher beim Grading auch einfliesst) sowie zwei Nichtstandardevaluationen, eine tiefe Dichte an tumorinfiltrierenden T-Lymphozyten (TIL) sowie das Vorliegen von Fibrosezonen („fibrotic focus“), mit einem schlechteren Outcome verbunden. Dieses weltweit grösste männliche Brustkrebsprogramm sollte als Vorbild für internationale Register/Datenbanken anderer seltener und ultraseltener Krebserkrankungen dienen. Weitere wichtige Erkenntnisse werden aus dem prospektiven Teil des männlichen Brustkrebsprogramms erwartet.</p></p>
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<a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a>
<div class="collapse" id="collapseLiteratur">
<p><strong>1</strong> Coles C et al: Partial breast radiotherapy for women with early breast cancer: first results of local recurrence data for IMPORT LOW (CRUK/06/003). EBCC 2016; Abstract 4LBA <br /><strong>2</strong> Dikmanns R et al: Two-stage implant-based breast reconstruction is safer than immediate one-stage implant-based breast reconstruction augmented with an acellular dermal matrix: a multicentre randomized controlled trial. EBCC 2016; Abstract 1LBA <br /><strong>3</strong> Vermeulen MA et al: Pathologic prognostic factors of male breast cancer: results of the EORTC 10085/TBCRC/BIG/NABG International Male Breast Cancer Program. EBCC 2016; Oral Abstract 7</p>
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