ESCMID

Konsensus zu Antibiotikaverabreichung und Antibiotic Stewardship erschienen

(0,00)
Jatros
12. September 2019
Bericht:
Dr. Norbert Hasenöhrl

<p class="article-intro">Manche Grundsätze der Antibiotic Stewardship und der richtigen Verabreichung der richtigen Antibiotika zum richtigen Zeitpunkt mögen banal klingen. Dennoch sind sie entscheidend für einen Therapieerfolg, aber darüber hinaus – ebenso wichtig – für ein Hintanhalten der immer drängender werdenden Resistenzproblematik. Die ESCMID hat sich dazu nun in Form eines kurzen Konsensuspapiers schriftlich geäußert.</p> <p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Keypoints</h2> <ul> <li>Das Paper definiert Kompetenzen unabh&auml;ngiger AB-Verordner.</li> <li>Dazu geh&ouml;ren Wissen &uuml;ber Mikrobiologie, Infektionswege und die Unterscheidung zwischen Infektion und Kolonisation sowie die richtige Interpretation von Befundergebnissen.</li> <li>Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss die Pharmakologie der verschriebenen Medikamente, die Wirkstoffklassen von Antibiotika und die Rahmenbedingungen der Verschreibung kennen.</li> <li>Die Regeln des verantwortungsvollen Einsatzes von Antibiotika (Antibiotic Stewardship) m&uuml;ssen eingehalten werden.</li> </ul> </div> <p>Die &bdquo;European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases&ldquo;, kurz ESCMID, hat ein Konsensus-Papier ver&ouml;ffentlicht,* in dem es um die Vermeidung von Antibiotikaresistenzen durch Antibiotic Stewardship und um den Umgang mit Antibiotikaverschreibungen geht. Das Paper ist das Ergebnis eines strukturierten Konsensusverfahrens, an dem ein multidisziplin&auml;res Expertengremium aus 24 europ&auml;ischen L&auml;ndern teilgenommen hat.<br /> Definiert werden sogenannte Kompetenzen, die f&uuml;r die Verschreiber von Antibiotika und Personen, die an der Steuerung der Antibiotic Stewardship (ABS) mitarbeiten, relevant sind. Bei diesen Kompetenzen geht es nat&uuml;rlich zun&auml;chst um die Verordnung und den verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika, dar&uuml;ber hinaus aber auch um Themen wie Infektionspr&auml;vention und -bek&auml;mpfung, Fragen der &ouml;ffentlichen Gesundheit und Anwendung von Impfungen. Die genannten Kompetenzen sind zugeschnitten auf unabh&auml;ngige Verordner in Europa. Sie sind allgemein gehalten und k&ouml;nnen daher an die Bed&uuml;rfnisse der verschreibenden Gruppen angepasst werden.<br /> Dabei gelten folgende Rahmendefinitionen:</p> <ul> <li>Kompetenzen sind der Minimalstandard, den alle unabh&auml;ngigen Verordner von antimikrobiellen Substanzen erreichen sollten, gem&auml;&szlig; den Grundprinzipien eines verantwortungsbewussten Antibiotikaeinsatzes.</li> <li>Ein unabh&auml;ngiger Verordner ist im Allgemeinen ein Verordner, der Rezepte ohne Kontrolle und uneingeschr&auml;nkt ausstellt, auch wenn die Gesetzgebungen hinsichtlich bestimmter Verschreibungen von Land zu Land unterschiedlich sind.</li> </ul> <p>Das Paper ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste befasst sich mit Kernkonzepten in der Mikrobiologie, Pathogenese und Infektionsdiagnostik, der zweite mit der Verschreibung von antimikrobiellen Substanzen und der dritte mit ABS.</p> <h2>Kernkonzepte in der Mikrobiologie, Pathogenese und Infektionsdiagnostik</h2> <p>Zu den im Konsensus genannten Kernkonzepten geh&ouml;rt das Verst&auml;ndnis von Eigenschaften und Klassifikation von h&auml;ufigen pathogenen Mikroorganismen, h&auml;ufigen mikrobiellen Krankheitsursachen und typischen Infektionswegen im Krankenhaus. Im Weiteren geht es um den Unterschied zwischen Kolonisation und Infektion und um das Grundverst&auml;ndnis, dass Entz&uuml;ndungsreaktionen infekti&ouml;se wie auch nichtinfekti&ouml;se Ursachen haben k&ouml;nnen.<br /> Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss in der Lage sein, eine sorgf&auml;ltige Anamnese zu erheben und eine k&ouml;rperliche Untersuchung durchzuf&uuml;hren, um g&auml;ngige Infektionen diagnostizieren und deren Schweregrad einstufen zu k&ouml;nnen.<br /> Dar&uuml;ber hinaus sollte ein unabh&auml;ngiger Verordner imstande sein, Untersuchungen richtig einzusetzen und ihre Ergebnisse zu interpretieren. Dabei geht es sowohl um die Diagnose einer Infektion als auch um die Beurteilung des Therapieerfolgs (z. B. mikrobiologische Untersuchungen, Bestimmung von Biomarkern, Point-of-Care-Tests).</p> <h2>Verschreibung von antimikrobiellen Substanzen</h2> <p>Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss wissen, wo und wie er sich Informationen zur Verschreibung von antimikrobiellen Substanzen und zur ABS besorgen kann, wann antimikrobielle Substanzen nicht verschrieben werden sollten und dass solche Verschreibungen in manchen Indikationen nicht State of the Art sind (z. B. bei Spaltung und Drainage von Abszessen, Entfernung von Fremdk&ouml;rpern).<br /> Ein weiterer entscheidender Punkt ist das Wissen um die Auswahl einer angemessenen antimikrobiellen Substanz. Hierbei sind Leitlinien und allgemeine Grunds&auml;tze zu ber&uuml;cksichtigen. Relevante Aspekte sind Voruntersuchungen (z. B. mikrobiologische Kulturen), Zeitrahmen, Wahl des Wirkstoffs und seiner Dosierung sowie der Darreichungsform, Behandlungsdauer, Zwischenbeurteilung und Therapieende.<br /> Fortsetzen und Rationalisierung der Antibiotikatherapie betreffen Spiegelbestimmungen, falls indiziert, Therapieumstellung aufgrund der mikrobiologischen Resultate und des klinischen Zustands (schm&auml;leres oder ggf. auch breiteres Spektrum), Zwischenevaluierung nach 48 bis 72 Stunden, schnellstm&ouml;gliche Umstellung von i. v. auf orale Therapie und auch Beendigung bzw. Unterbrechung der Therapie bei fehlendem Infektionsnachweis. Selbstverst&auml;ndlich ist auch eine detaillierte Dokumentation vonn&ouml;ten.<br /> Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss wissen, dass sich die empirische Behandlung an lokalen Resistenzmustern orientieren sollte, muss das klinisch relevante Wirkspektrum &uuml;blicherweise verschriebener Antibiotika kennen und die Grundprinzipien der Pharmakokinetik und Pharmakodynamik antimikrobieller Substanzen verstehen.<br /> Der Verordner muss die Wirkstoffklasse eines Antibiotikums und seine Kontraindikationen kennen, au&szlig;erdem auch generische und Handelsnamen zuordnen k&ouml;nnen. Auch muss der unabh&auml;ngige Verordner &uuml;ber prophylaktische Einzeldosisverabreichungen Bescheid wissen und auch dar&uuml;ber, dass hier gelegentliche zus&auml;tzliche Antibiotikagaben erforderlich sind.<br /> Nat&uuml;rlich muss der Verordner auch die h&auml;ufigen Neben- und Wechselwirkungen dieser Medikamente kennen. Schlie&szlig;lich muss er die rechtlichen Vorgaben f&uuml;r die Verschreibung von Antibiotika in seinem Land kennen, verstehen und einhalten.</p> <h2>Antibiotic Stewardship</h2> <p>Jeder Verordner muss wissen, dass Antibiotika verantwortungsvoll einzusetzen sind, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden, dass die Optimierung des Einsatzes wichtige Nebenwirkungen und negative Folgen einer Antibiotikagabe (wie Infektionen durch Clostridium difficile) reduziert, dass der unangemessene Einsatz ― insbesondere von Breitbandantibiotika &ndash; zu vermeiden ist und dass die ambulante sowie krankenhausassoziierte &Uuml;bertragung von Mikroorganismen antimikrobielle Resistenzen signifikant amplifizieren kann.<br /> Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss die lokalen Grunds&auml;tze des Antibiotic Stewardship kennen, die auf nationalen (wenn verf&uuml;gbar, ansonsten internationalen) evidenzbasierten Leitlinien gr&uuml;nden.<br /> Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss die lokalen und nationalen Ma&szlig;nahmen hinsichtlich des Qualit&auml;tsmanagements zu Antibiotikaverschreibungen kennen und anwenden (z. B. Einhaltung der geltenden Leitlinien, Dokumentation von unerw&uuml;nschten Arzneimittelwirkungen, Kontrolle der Antibiotikatherapie nach 48 bis 72 Stunden bei station&auml;ren Patienten).<br /> Die Kommunikation mit anderen Berufsgruppen (Pflegepersonal, Apothekern etc.) sowie mit Patienten und Angeh&ouml;rigen &uuml;ber Dauer und H&auml;ufigkeit der Antibiotikatherapie einerseits und andererseits auch dar&uuml;ber, wann eine solche Therapie nicht angebracht ist, ist wichtig.<br /> Jeder unabh&auml;ngige Verordner muss anerkennen, dass es in seiner Versorgungspflicht liegt, mit anderen, besser ausgewiesenen Kollegen zusammenzuarbeiten, z. B. einem ABS-Team, wenn eine solche Expertise erforderlich ist.</p> <p>&nbsp;</p> <p>* Online erh&auml;ltlich unter: www.oeginfekt.at/download/escmidvermeidung_ von_antibiotikaresistenzen_ und_antibiotikaverschreibungen.pdf</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: ESCMID (European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases): Vermeidung von Antibiotikaresistenzen (Antibiotic Stewardship) und Antibiotikaverschreibungen </p>
Back to top