Konsensus zu Antibiotikaverabreichung und Antibiotic Stewardship erschienen
Jatros
30
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12.09.2019
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<p class="article-intro">Manche Grundsätze der Antibiotic Stewardship und der richtigen Verabreichung der richtigen Antibiotika zum richtigen Zeitpunkt mögen banal klingen. Dennoch sind sie entscheidend für einen Therapieerfolg, aber darüber hinaus – ebenso wichtig – für ein Hintanhalten der immer drängender werdenden Resistenzproblematik. Die ESCMID hat sich dazu nun in Form eines kurzen Konsensuspapiers schriftlich geäußert.</p>
<p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Keypoints</h2> <ul> <li>Das Paper definiert Kompetenzen unabhängiger AB-Verordner.</li> <li>Dazu gehören Wissen über Mikrobiologie, Infektionswege und die Unterscheidung zwischen Infektion und Kolonisation sowie die richtige Interpretation von Befundergebnissen.</li> <li>Jeder unabhängige Verordner muss die Pharmakologie der verschriebenen Medikamente, die Wirkstoffklassen von Antibiotika und die Rahmenbedingungen der Verschreibung kennen.</li> <li>Die Regeln des verantwortungsvollen Einsatzes von Antibiotika (Antibiotic Stewardship) müssen eingehalten werden.</li> </ul> </div> <p>Die „European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases“, kurz ESCMID, hat ein Konsensus-Papier veröffentlicht,* in dem es um die Vermeidung von Antibiotikaresistenzen durch Antibiotic Stewardship und um den Umgang mit Antibiotikaverschreibungen geht. Das Paper ist das Ergebnis eines strukturierten Konsensusverfahrens, an dem ein multidisziplinäres Expertengremium aus 24 europäischen Ländern teilgenommen hat.<br /> Definiert werden sogenannte Kompetenzen, die für die Verschreiber von Antibiotika und Personen, die an der Steuerung der Antibiotic Stewardship (ABS) mitarbeiten, relevant sind. Bei diesen Kompetenzen geht es natürlich zunächst um die Verordnung und den verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika, darüber hinaus aber auch um Themen wie Infektionsprävention und -bekämpfung, Fragen der öffentlichen Gesundheit und Anwendung von Impfungen. Die genannten Kompetenzen sind zugeschnitten auf unabhängige Verordner in Europa. Sie sind allgemein gehalten und können daher an die Bedürfnisse der verschreibenden Gruppen angepasst werden.<br /> Dabei gelten folgende Rahmendefinitionen:</p> <ul> <li>Kompetenzen sind der Minimalstandard, den alle unabhängigen Verordner von antimikrobiellen Substanzen erreichen sollten, gemäß den Grundprinzipien eines verantwortungsbewussten Antibiotikaeinsatzes.</li> <li>Ein unabhängiger Verordner ist im Allgemeinen ein Verordner, der Rezepte ohne Kontrolle und uneingeschränkt ausstellt, auch wenn die Gesetzgebungen hinsichtlich bestimmter Verschreibungen von Land zu Land unterschiedlich sind.</li> </ul> <p>Das Paper ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste befasst sich mit Kernkonzepten in der Mikrobiologie, Pathogenese und Infektionsdiagnostik, der zweite mit der Verschreibung von antimikrobiellen Substanzen und der dritte mit ABS.</p> <h2>Kernkonzepte in der Mikrobiologie, Pathogenese und Infektionsdiagnostik</h2> <p>Zu den im Konsensus genannten Kernkonzepten gehört das Verständnis von Eigenschaften und Klassifikation von häufigen pathogenen Mikroorganismen, häufigen mikrobiellen Krankheitsursachen und typischen Infektionswegen im Krankenhaus. Im Weiteren geht es um den Unterschied zwischen Kolonisation und Infektion und um das Grundverständnis, dass Entzündungsreaktionen infektiöse wie auch nichtinfektiöse Ursachen haben können.<br /> Jeder unabhängige Verordner muss in der Lage sein, eine sorgfältige Anamnese zu erheben und eine körperliche Untersuchung durchzuführen, um gängige Infektionen diagnostizieren und deren Schweregrad einstufen zu können.<br /> Darüber hinaus sollte ein unabhängiger Verordner imstande sein, Untersuchungen richtig einzusetzen und ihre Ergebnisse zu interpretieren. Dabei geht es sowohl um die Diagnose einer Infektion als auch um die Beurteilung des Therapieerfolgs (z. B. mikrobiologische Untersuchungen, Bestimmung von Biomarkern, Point-of-Care-Tests).</p> <h2>Verschreibung von antimikrobiellen Substanzen</h2> <p>Jeder unabhängige Verordner muss wissen, wo und wie er sich Informationen zur Verschreibung von antimikrobiellen Substanzen und zur ABS besorgen kann, wann antimikrobielle Substanzen nicht verschrieben werden sollten und dass solche Verschreibungen in manchen Indikationen nicht State of the Art sind (z. B. bei Spaltung und Drainage von Abszessen, Entfernung von Fremdkörpern).<br /> Ein weiterer entscheidender Punkt ist das Wissen um die Auswahl einer angemessenen antimikrobiellen Substanz. Hierbei sind Leitlinien und allgemeine Grundsätze zu berücksichtigen. Relevante Aspekte sind Voruntersuchungen (z. B. mikrobiologische Kulturen), Zeitrahmen, Wahl des Wirkstoffs und seiner Dosierung sowie der Darreichungsform, Behandlungsdauer, Zwischenbeurteilung und Therapieende.<br /> Fortsetzen und Rationalisierung der Antibiotikatherapie betreffen Spiegelbestimmungen, falls indiziert, Therapieumstellung aufgrund der mikrobiologischen Resultate und des klinischen Zustands (schmäleres oder ggf. auch breiteres Spektrum), Zwischenevaluierung nach 48 bis 72 Stunden, schnellstmögliche Umstellung von i. v. auf orale Therapie und auch Beendigung bzw. Unterbrechung der Therapie bei fehlendem Infektionsnachweis. Selbstverständlich ist auch eine detaillierte Dokumentation vonnöten.<br /> Jeder unabhängige Verordner muss wissen, dass sich die empirische Behandlung an lokalen Resistenzmustern orientieren sollte, muss das klinisch relevante Wirkspektrum üblicherweise verschriebener Antibiotika kennen und die Grundprinzipien der Pharmakokinetik und Pharmakodynamik antimikrobieller Substanzen verstehen.<br /> Der Verordner muss die Wirkstoffklasse eines Antibiotikums und seine Kontraindikationen kennen, außerdem auch generische und Handelsnamen zuordnen können. Auch muss der unabhängige Verordner über prophylaktische Einzeldosisverabreichungen Bescheid wissen und auch darüber, dass hier gelegentliche zusätzliche Antibiotikagaben erforderlich sind.<br /> Natürlich muss der Verordner auch die häufigen Neben- und Wechselwirkungen dieser Medikamente kennen. Schließlich muss er die rechtlichen Vorgaben für die Verschreibung von Antibiotika in seinem Land kennen, verstehen und einhalten.</p> <h2>Antibiotic Stewardship</h2> <p>Jeder Verordner muss wissen, dass Antibiotika verantwortungsvoll einzusetzen sind, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden, dass die Optimierung des Einsatzes wichtige Nebenwirkungen und negative Folgen einer Antibiotikagabe (wie Infektionen durch Clostridium difficile) reduziert, dass der unangemessene Einsatz ― insbesondere von Breitbandantibiotika – zu vermeiden ist und dass die ambulante sowie krankenhausassoziierte Übertragung von Mikroorganismen antimikrobielle Resistenzen signifikant amplifizieren kann.<br /> Jeder unabhängige Verordner muss die lokalen Grundsätze des Antibiotic Stewardship kennen, die auf nationalen (wenn verfügbar, ansonsten internationalen) evidenzbasierten Leitlinien gründen.<br /> Jeder unabhängige Verordner muss die lokalen und nationalen Maßnahmen hinsichtlich des Qualitätsmanagements zu Antibiotikaverschreibungen kennen und anwenden (z. B. Einhaltung der geltenden Leitlinien, Dokumentation von unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Kontrolle der Antibiotikatherapie nach 48 bis 72 Stunden bei stationären Patienten).<br /> Die Kommunikation mit anderen Berufsgruppen (Pflegepersonal, Apothekern etc.) sowie mit Patienten und Angehörigen über Dauer und Häufigkeit der Antibiotikatherapie einerseits und andererseits auch darüber, wann eine solche Therapie nicht angebracht ist, ist wichtig.<br /> Jeder unabhängige Verordner muss anerkennen, dass es in seiner Versorgungspflicht liegt, mit anderen, besser ausgewiesenen Kollegen zusammenzuarbeiten, z. B. einem ABS-Team, wenn eine solche Expertise erforderlich ist.</p> <p> </p> <p>* Online erhältlich unter: www.oeginfekt.at/download/escmidvermeidung_ von_antibiotikaresistenzen_ und_antibiotikaverschreibungen.pdf</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle: ESCMID (European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases): Vermeidung von Antibiotikaresistenzen (Antibiotic Stewardship) und Antibiotikaverschreibungen
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