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13. Österreichischer Infektionskongress

Surveillance und Isolierung – sinnvoll oder nicht?

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Jatros
05. Juni 2019
Bericht:
Dr. Norbert Hasenöhrl

<p class="article-intro">Krankenhaushygienische Themen sind wichtig für die Infektiologie – und sie rufen zum Teil recht kontroverse Diskussionen hervor. Lesen Sie mehr.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Die erste Pro-Kontra-Sitzung des &Ouml;sterreichischen Infektionskongresses widmete sich &uuml;berwiegend krankenhaushygienischen Themen.</p> <h2>Ist Infektions-Surveillance sinnvoll?</h2> <p><strong>Ja: Univ.-Prof. Dr. Ojan Assadian, &Auml;rztlicher Direktor, Landesklinikum Neunkirchen, N&Ouml; </strong></p> <p>&bdquo;Infektions-Surveillance ist dann sinnvoll, wenn man die Terminologie beherrscht und wei&szlig;, wovon man redet. Mit anderen Worten: wenn die Ergebnisse einer Surveillance mit der richtigen Kommunikation vermittelt werden&ldquo;, betonte Assadian.</p> <p>In den Daten des deutschen &bdquo;Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems&ldquo; (KISS) &ndash; in dem &uuml;brigens je nach Surveillance- Indikator bis zu circa ein Drittel der Daten aus &Ouml;sterreich stammen &ndash; zeigt sich z. B., dass die Rate an Wundinfektionen nach Kaiserschnitten zwischen 2006 und 2017 nicht signifikant abgenommen hat. &bdquo;Das als Nutzlosigkeit von Surveillance zu interpretieren, w&auml;re jedoch falsch&ldquo;, betonte Assadian. &bdquo;Surveillance sagt uns ja nur, was ist; &Auml;nderungen durchzuf&uuml;hren liegt bei uns!&ldquo;</p> <p>Surveillance ist definiert als die fortlaufende, systematische Erfassung, Analyse und Interpretation von Gesundheitsdaten; dies ist essenziell f&uuml;r die Planung, Implementierung und Evaluierung von Ma&szlig;nahmen der &ouml;ffentlichen Gesundheit, wobei diese Daten zeitgerecht und in geeigneter Form an diejenigen zu &uuml;bermitteln sind, die diese Informationen ben&ouml;tigen.</p> <p>&bdquo;Wenn das alles passiert, dann hat Surveillance einen wesentlichen Anteil daran, Infektionsraten zu senken und zuk&uuml;nftige Infektionen zu vermeiden. Ihr Krankenhaus wird unter diesen Kautelen von einem Surveillancesystem deutlich profitieren&ldquo;, versprach Assadian.</p> <p><strong>Nein: Priv.-Doz. Dr. Rainer Gattringer, Leiter des Instituts f&uuml;r Hygiene und Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin, Klinikum Wels/Grieskirchen</strong><br />&bdquo;Wir waren ja alle urspr&uuml;nglich sehr enthusiastisch hinsichtlich der Infektions- Surveillance, denn endlich sind wir von reinen Vermutungen und Gef&uuml;hlen weg zu Daten gekommen&ldquo;, begann Gattringer seine Gegenrede. Theoretisch w&uuml;rde die strukturierte Erhebung von Daten zur Erkennung von Problemen, Setzen von Ma&szlig;nahmen und Messen von Resultaten und damit letztlich zur Rettung von Leben f&uuml;hren.</p> <p>&bdquo;Aber werden hier wirklich Leben gerettet?&ldquo;, fragte Gattringer. &bdquo;Die Ern&uuml;chterung kam bald, denn das Problem liegt im Detail. So f&uuml;hren z. B. veraltete Strukturen und unklare Definitionen zu Problemen, und letztlich haben wir mit extremem Aufwand wenig Outcome erreicht.&ldquo;</p> <p>Man d&uuml;rfe auch nicht vergessen, dass die Datenerhebung Personal ben&ouml;tigt, das oft nicht in gen&uuml;gendem Umfang vorhanden ist. Dies sei einer der Gr&uuml;nde f&uuml;r eine in der Praxis oft schlechte Datenqualit&auml;t, fuhr der Infektiologe und Mikrobiologe fort.</p> <p>&bdquo;Dazu kommt, dass wir ein Epidemiegesetz aus 1950 haben, aufgrund dessen wir bestimmte Erkrankungen melden sollen. Hingegen wird z. B. das Auftreten von Carbapenemasen bei Enterobakterien zwar im Nationalen Referenzzentrum gesammelt &ndash; diese Meldungen sind aber nicht verpflichtend, sondern erfolgen auf freiwilliger Basis&ldquo;, so Gattringer. Auch wisse man ja nie genau, was mit den Daten weiter geschehe.</p> <p>Die Erhebung von Daten aufgrund nicht ideal durchdachter Vorgaben sei einerseits aufwendig und f&uuml;hre andererseits rasch zu Frustrationen. &bdquo;Die n&auml;chste Frage ist ja, ob wir auch gen&uuml;gend zeitliche und personelle Ressourcen haben, um die gewonnenen Daten auch aufzuarbeiten. Falls nicht, produzieren wir einfach einen Datenfriedhof&ldquo;, kritisierte Gattringer abschlie&szlig;end.</p> <p>Gattringers Fazit daher: Infektions- Surveillance nur dann, wenn die Umst&auml;nde auch passen.</p> <h2><strong>Non-Influenza-Viruspneumonien: Isolieren?</strong></h2> <p><strong>Ja: Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Dorothea Orth-H&ouml;ller, Sektion f&uuml;r Hygiene und Medizinische Mikrobiologie, MedUni Innsbruck</strong><br />&bdquo;Die Non-Influenza-Viruspneumonien, kurz NIVP, werden durch ein Potpourri von Erregern ausgel&ouml;st, z. B. Parainfluenzaviren, RSV, Rhinoviren, Adeno-, Coronaund einer ganzen Reihe weiterer Viren&ldquo;, erl&auml;uterte Orth-H&ouml;ller.</p> <p>Die meisten dieser Viren werden durch Tr&ouml;pfchen- oder Kontaktinfektion &uuml;bertragen, RSV eventuell sogar aerogen. Manche dieser Viren, wie z. B. RSV, k&ouml;nnen bis zu sechs Stunden auf Oberfl&auml;chen &uuml;berleben. NIPV sind als Ursache zahlreicher Ausbr&uuml;che beschrieben. Die Patienten sind oft schon vor Ausbruch der Erkrankung infekti&ouml;s und scheiden den Erreger zum Teil auch noch l&auml;nger nach klinischer Heilung aus (insbesondere Kinder). Aufgrund des &Uuml;bertragungswegs sollte der Patient also isoliert werden.</p> <p>Allerdings gibt es nat&uuml;rlich eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die hier ber&uuml;cksichtigt werden m&uuml;ssen. Dies sind: Art des Erregers, Reservoir/Vorkommen des Erregers/ infekti&ouml;ses Material, Pathogenit&auml;t und Infektiosit&auml;t und andererseits der Immunstatus des Patienten und der Infektions- bzw. Kolonisationsort und das Streupotenzial.</p> <p>&bdquo;In der Praxis h&auml;ngt die Entscheidung &uuml;ber eine Isolation bei NIVP von all diesen Faktoren ab und muss daher individuell entschieden werden&ldquo;, so Orth-H&ouml;ller abschlie&szlig;end.</p> <p><strong>Nein: Univ.-Prof. Dr. Andrea Grisold, Diagnostik &amp; Forschungsinstitut f&uuml;r Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin, MedUni Graz</strong></p> <p>&bdquo;Als Erstes muss man sich im Zusammenhang mit NIVP die Frage stellen, um wie viele Patienten es sich hier handelt und wie viele Einzelbetten das Haus bzw. die Abteilung &uuml;berhaupt zur Verf&uuml;gung hat&ldquo;, so Grisold pragmatisch. &bdquo;Dann muss man schauen, um welchen Erreger es sich handelt, um feststellen zu k&ouml;nnen, wie es mit dem &Uuml;bertragungsweg und der Infektiosit&auml;t aussieht&ldquo;, fuhr die Hygienikerin fort.</p> <p>Zudem m&uuml;sse man bedenken, dass keineswegs alle der m&ouml;glichen Erreger einer NIVP auch von Mensch zu Mensch &uuml;bertragen werden k&ouml;nnen. Dies gilt z. B. f&uuml;r das Hantavirus. Auch EBV wird nur in 5 % der F&auml;lle von einer akut erkrankten Person erworben. CMV ist vor allem f&uuml;r immunsupprimierte Patienten von Bedeutung, und f&uuml;r das humane Bocavirus sind bis dato &uuml;berhaupt keine krankenhausbezogenen Ausbr&uuml;che beschrieben.</p> <p>&bdquo;Was hier also bleibt, sind &ndash; abgesehen von der Influenza &ndash; vor allem RSV, Rhinoviren und Parainfluenzaviren&ldquo;, kommentierte Grisold.<br />Wichtig ist es auch, den Unterschied zwischen Tr&ouml;pfcheninfektion (&gt;5 &mu;m, maximal 1 m Reichweite) und aerogener Infektion (&lt;5 &mu;m, Aerosol, kann stundenlang im Raum schweben) zu kennen. &bdquo;Ich w&uuml;rde meiner Vorrednerin zustimmen, dass eine Isolierung bei NIVP abh&auml;ngig von Erreger, Alter und Immunstatus erwogen werden kann&ldquo;, so Grisolds Fazit. &bdquo;Isolierung allein ist aber zu wenig. Wichtig sind zus&auml;tzliche Ma&szlig;nahmen wie H&auml;ndehygiene, Personalschutz, Impfungen (Influenza, MMR, Pertussis) und rasche Diagnostik.&ldquo;</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: „Sinnhaftigkeit der Infektions-Surveillance. Gibt es einen Nutzen?“, Pro: O. Assadian, Neunkirchen, Kontra: R. Gattringer, Wels; „Non-Influenza-Viruspneumonien – Isolierung?“, Pro: D. Orth-Höller, Innsbruck, Kontra: A. Grisold, Graz; aus der Pro/Kontra-Sitzung 1 des 13. ÖIK, Saalfelden, 28. März 2019 </p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p>bei den Vortragenden</p> </div> </p>
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